Aus ingenieurtechnischer und metallurgischer Sicht sind Eigenspannungen aus der Bearbeitung nicht universell schädlich; ihre Auswirkung auf die Leistung ist vollständig kontextabhängig und hängt von der Art (Zug oder Druck), der Größe, der Tiefe und der Verteilung der Spannung im Verhältnis zur Betriebsbelastung des Bauteils ab. Eine vereinfachte Ansicht, dass alle Eigenspannungen schlecht seien, kann zu verpassten Chancen zur Leistungssteigerung führen.
In der überwiegenden Mehrheit der Fälle sind Zug-Eigenspannungen an der Oberfläche und in oberflächennahen Bereichen unerwünscht und aktiv schädlich. Sie wirken als Vorspannung, die sich auf die aufgebrachten Betriebslasten überlagert, wodurch effektiv die Ermüdungsfestigkeit gesenkt und die Rissinitiierung sowie das Risswachstum gefördert werden. Dies ist von kritischer Bedeutung für Bauteile, die zyklischen Belastungen ausgesetzt sind, wie beispielsweise solche in Anwendungen der Luft- und Raumfahrt oder der Automobilindustrie. Darüber hinaus können Zugspannungen in anfälligen Umgebungen die Spannungsrisskorrosion (SCC) beschleunigen und die Knickstabilität dünnwandiger Strukturen verringern. Diese Spannungen entstehen typischerweise durch aggressive Bearbeitung, die übermäßige Wärme erzeugt, wodurch das Oberflächenmaterial fließt und sich beim Abkühlen plastisch zusammenzieht, was zu Zugspannungen führt.
Im Gegensatz dazu werden Druck-Eigenspannungen an der Oberfläche oft absichtlich eingebracht, um die Leistung zu verbessern. Druckspannungen müssen durch aufgebrachte Zug-Betriebslasten überwunden werden, bevor ein Riss überhaupt entstehen kann. Dies verbessert erheblich die Ermüdungslebensdauer, den Widerstand gegen Rissausbreitung und kann auch den Widerstand gegen bestimmte Formen von Verschleiß und Passungsrost erhöhen.
Verfahren wie Kugelstrahlen, Nitrieren und Laserstrahl-Hämmern sind speziell darauf ausgelegt, eine tiefe Schicht oberflächlicher Druckspannung einzubringen. Selbst bestimmte kontrollierte Bearbeitungs- und Schleifprozesse können, wenn sie mit der richtigen Werkzeuggeometrie und Parametern optimiert werden, so gestaltet werden, dass sie einen netto Druckspannungszustand an der Oberfläche hinterlassen und ein potenzielles Problem in einen Leistungsvorteil verwandeln.
Das Ziel der modernen Bearbeitung ist nicht unbedingt die Eliminierung aller Eigenspannungen, sondern deren Steuerung. Für kritische Bauteile umfasst dies:
Optimierte Bearbeitungsparameter: Verwendung scharfer Werkzeuge, positiver Spanwinkel, Hochdruckkühlschmierung sowie angemessener Vorschübe und Drehzahlen, um die Wärmeerzeugung und plastische Verformung zu minimieren und dadurch die Größe der Zugspannungen zu reduzieren.
Spannungsarmglühen nach der Bearbeitung: Ein entscheidender Schritt der Wärmebehandlung, insbesondere nach Schruppoperationen, um den Gesamtspannungslevel im Bauteil vor der Fertigbearbeitung zu homogenisieren und zu reduzieren.
Gezieltes Spannungs-Engineering: Für den letzten Arbeitsgang die Auswahl eines Verfahrens, das bekanntermaßen nützliche Druckspannungen induziert, oder die Spezifizierung eines sekundären Prozesses wie Strahlhämmern nach Abschluss der Bearbeitung.
Daher ist die Behauptung, dass bearbeitungsbedingte Eigenspannungen immer schädlich seien, falsch. Der Schlüssel liegt darin, zunächst die Leistungsanforderungen des Bauteils zu definieren. Für eine nicht-kritische, statisch belastete Halterung können die Eigenspannungen irrelevant sein. Für eine rotierende Turbinenscheibe aus Inconel 718 oder ein dynamisch belastetes Fahrwerksbauteil ist der Eigenspannungszustand jedoch ein kritisches Qualitätsmerkmal, das sorgfältig gesteuert und oft gezielt auf Druck eingestellt werden muss. Die Raffinesse liegt im Verständnis dieser Dualität und der entsprechenden Spezifizierung der Fertigungsprozesse.