Aus werkstofftechnischer Sicht und im Hinblick auf die Langzeitleistung ist die Kriechfestigkeit von Inconel-Legierungen, die mittels Direct Metal Laser Sintering (DMLS) hergestellt werden, ein entscheidender Faktor für Hochtemperaturanwendungen in der Luft- und Raumfahrt sowie der Energieerzeugung. Obwohl DMLS hervorragende Kurzzeitzugfestigkeiten erzielen kann, hängt die langfristige Kriechleistung im Vergleich zu geschmiedetem Material stark vom Zusammenspiel zwischen Mikrostruktur, Nachbearbeitung und prozessbedingten Defekten ab.
Der grundlegende Unterschied liegt in der Mikrostruktur:
Konventionell geschmiedetes Inconel: Verfahren wie Schmieden erzeugen eine gleichmäßige, äquiaxiale Kornstruktur mit gut definierten Korngrenzen. Diese homogene Schmiedemikrostruktur ist äußerst widerstandsfähig gegen Korngrenzengleiten und Hohlraumbildung, die für Kriechverformungen charakteristisch sind.
DMLS-Inconel: Der Prozess führt zu einer sehr feinen, nicht im Gleichgewicht befindlichen Mikrostruktur, die durch schnelle Erstarrung gekennzeichnet ist. Häufig entstehen säulenförmige Körner, die epitaktisch über mehrere Schichten entlang der Aufbauachse wachsen. Diese feine Struktur kann zwar die Streckgrenze erhöhen, ist aber unter langanhaltender thermischer Belastung weniger stabil.
Innere Defekte: Die Hauptsorge bei der Kriechbeanspruchung ist das Vorhandensein von Mikroporositäten, teilweise aufgeschmolzenem Pulver oder Bindefehlern. Unter der kombinierten Einwirkung von hoher Temperatur und konstanter Spannung wirken diese Defekte als Keime für Kriechhohlräume und Mikrorisse, was zu vorzeitigem Versagen führen kann.
Anisotropie: Die säulenförmige Kornstruktur und der schichtweise Aufbau von DMLS können zu anisotropen Kriecheigenschaften führen. Die Kriechfestigkeit ist häufig in der X-Y-Ebene (parallel zu den Schichten) höher als in der Z-Achse, wo senkrecht zur Spannung verlaufende Korngrenzen eine schnellere Deformation begünstigen.
Mikrostrukturelle Instabilität: Die metastabile, im Ausgangszustand vorhandene Mikrostruktur von DMLS entwickelt sich bei längerer Hochtemperaturlagerung weiter. Eine Kornvergröberung und Veränderung der Ausscheidungsphasen kann auftreten, was zu einem allmählichen Verlust der Kriechfestigkeit im Vergleich zu einer stabilen, wärmebehandelten Schmiedestruktur führt.
Um DMLS-Inconel für kritische Kriechanwendungen geeignet zu machen, ist eine rigorose Nachbearbeitung unverzichtbar:
Heißisostatisches Pressen (HIP): Dies ist der wichtigste Schritt. Beim HIP-Verfahren wird das Bauteil hoher Temperatur und isostatischem Gasdruck ausgesetzt, wodurch das Metall plastisch verformt wird und innere Poren und Hohlräume geschlossen werden. Dies verbessert die Duktilität und homogenisiert die Mikrostruktur, wodurch die Kriechlebensdauer erheblich verlängert wird.
Lösungs- und Alterungswärmebehandlung: Eine angepasste Wärmebehandlung ist für Legierungen wie Inconel 718 nach HIP entscheidend. Dabei werden unerwünschte Phasen aufgelöst und die ausscheidungshärtenden Gamma-Prime- und Gamma-Double-Prime-Phasen gezielt gebildet, um eine stabile, kriechbeständige Mikrostruktur zu schaffen.
Mit optimalen Prozessparametern und vollständiger Nachbearbeitung (HIP + Wärmebehandlung) kann die Kriechleistung von DMLS-Inconel bemerkenswert nahe an die von geschmiedetem Material heranreichen. Untersuchungen an gut verarbeiteten Inconel 718-Proben zeigen, dass die Kriechbruchlebensdauer 80–95 % derjenigen von Schmiedematerial unter vergleichbaren Bedingungen erreichen kann.
Dennoch bleibt geschmiedetes Material meist leicht überlegen, da es eine homogenere und isotropere Kornstruktur aufweist. Außerdem zeigt DMLS bei der Kriechlebensdauer tendenziell eine größere Streuung, bedingt durch prozessbedingte Variabilität und das Risiko seltener, nicht detektierter Defekte.
Konventionelles Schmieden für maximale Kriechfestigkeit: Für die kritischsten Hochtemperatur- und Hochlastkomponenten, bei denen maximale Kriechlebensdauer und Zuverlässigkeit erforderlich sind (z. B. Turbinenscheiben), bleibt geschmiedetes Inconel der Standard.
DMLS für designorientierte Anwendungen: DMLS ist die bevorzugte Wahl, wenn das Design komplexe interne Kühlkanäle, Leichtbaustrukturen oder Bauteilintegrationen erfordert, die durch Schmieden nicht realisierbar sind. In solchen Fällen wird ein geringfügiger Verlust an Kriechleistung durch deutliche Effizienz- und Funktionsvorteile auf Systemebene ausgeglichen.
Strenge Nachbearbeitung und Prüfung vorschreiben: Jedes DMLS-Bauteil für Hochtemperatur-Kriechanwendungen muss HIP und einen zertifizierten Wärmebehandlungszyklus durchlaufen. Chargenprüfungen und zerstörungsfreie Prüfverfahren (z. B. CT-Scanning) sind oft erforderlich, um die innere Integrität kritischer Komponenten zu gewährleisten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass DMLS-Inconel nicht pauschal die Kriechleistung von konventionell verarbeiteten Werkstoffen erreicht. Dennoch hat sich das Verfahren von einer reinen Prototyping-Technologie zu einer ernstzunehmenden Produktionslösung entwickelt – vorausgesetzt, die spezifischen Nachbearbeitungs- und Prüfanforderungen werden erfüllt, um langfristige strukturelle Integrität sicherzustellen.