Aus werkstofftechnischer und fertigungstechnischer Sicht erfordert die Frage, ob DMLS-gedruckte Inconel-Bauteile die mechanischen Eigenschaften geschmiedeter Komponenten erreichen können, eine differenzierte Antwort. Ja, DMLS-Teile können bestimmte Eigenschaften geschmiedeter Teile erreichen oder sogar übertreffen, jedoch nicht automatisch – dies hängt von einem strengen Nachbearbeitungsprozess und einem genauen Verständnis des Begriffs „Gleichwertigkeit“ im jeweiligen Kontext ab. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass bei DMLS die Eigenschaften durch Nachbearbeitung erzielt werden, während sie bei Schmiedeteilen inherent aus der thermomechanischen Verformung entstehen.
Im As-Built-Zustand weist DMLS-Inconel (z. B. Inconel 718) eine Nicht-Gleichgewichts-Mikrostruktur mit feinen Körnern, dendritischen Strukturen und Elementseparation (z. B. Laves-Phasen) auf. Es enthält außerdem Eigenspannungen und kann mikroskopische Porosität aufweisen. Während dies zu einer hohen Zugfestigkeit führen kann, beeinträchtigt es häufig die Duktilität, die Ermüdungslebensdauer und die Spannungsrissbeständigkeit im Vergleich zu einem geschmiedeten Pendant.
Geschmiedetes Inconel profitiert von einer homogenen, verformten Mikrostruktur mit feinkörnigen, äquiaxialen Körnern, die durch starke plastische Verformung und Rekristallisation erreicht werden. Dieser Prozess beseitigt chemische Segregationen und erzeugt ein isotropes Material mit hervorragender Duktilität und bewährter Hochtemperaturleistung, was es zum historischen Maßstab für kritische Komponenten in der Luft- und Raumfahrt macht.
Damit ein DMLS-Teil für eine Schmiedeanwendung in Betracht gezogen werden kann, muss es spezielle Behandlungen durchlaufen, um seine Mikrostruktur zu transformieren:
Heißisostatisches Pressen (HIP): Dies ist bei kritischen Bauteilen unverzichtbar. HIP beseitigt interne Poren und Hohlräume und erreicht nahezu theoretische Dichte. Es homogenisiert außerdem die Mikrostruktur, verbessert die Duktilität und Ermüdungslebensdauer erheblich, indem spannungskonzentrationsverursachende Defekte beseitigt werden.
Lösungswärmebehandlung und Alterung: Ein präziser Wärmebehandlungszyklus ist erforderlich. Die Lösungsbehandlung löst schädliche Sekundärphasen (z. B. Laves- und Delta-Phasen) in der Matrix auf, während die anschließende Alterung die härtenden Gamma-Prime- und Gamma-Double-Prime-Phasen kontrolliert ausscheidet. Dies ist entscheidend, um die Hochtemperaturfestigkeit und Kriechbeständigkeit zu erreichen, für die Inconel bekannt ist.
Nach dieser kombinierten HIP- und Wärmebehandlungssequenz können die Zugfestigkeitswerte (Streck- und Zugfestigkeit) von DMLS-Inconel 718 tatsächlich die Spezifikationen für geschmiedetes AMS 5662-Material erfüllen oder übertreffen. Auch die Duktilität (gemessen an Dehnung und Querschnittsreduktion) kann spezifikationsgerecht eingestellt werden.
Mechanische Eigenschaft | DMLS + HIP + Wärmebehandlung | Geschmiedet & Wärmebehandelt | Wichtige Beobachtung |
|---|---|---|---|
Zugfestigkeit & Streckgrenze | Kann die Schmiedespezifikationen erreichen oder übertreffen. | Erfüllt etablierte Materialspezifikationen (z. B. AMS). | DMLS kann Gleichwertigkeit erzielen. |
Duktilität (Dehnung) | Kann nach korrekter HIP/Wärmebehandlung spezifikationsgerecht erreicht werden. | Typischerweise hoch und konsistent. | Gleichwertigkeit durch Prozessoptimierung möglich. |
Ermüdungslebensdauer | Stark abhängig von der Oberflächenqualität. Kann durch Elektropolieren oder Nachbearbeitung die Schmiedewerte erreichen. | Ausgezeichnet, mit hoher Vorhersagbarkeit. | Oberflächenqualität ist der dominierende Faktor. |
Anisotropie | Weitgehend durch HIP eliminiert, jedoch können geringe Richtungsunterschiede verbleiben. | Isotrop dank thermomechanischer Bearbeitung. | Schmiedeteile sind von Natur aus isotroper. |
Hochtemperatur-Kriech- & Zeitstandfestigkeit | Kann variabler und potenziell geringer sein, da eine geschmiedete Kornstruktur fehlt. | Überlegen und hochkonsistent – der Goldstandard. | Dies ist oft der entscheidende Unterschied bei extremen Einsatzbedingungen. |
Die Entscheidung zwischen DMLS und Schmieden hängt nicht allein vom Abgleich eines Datenblatts ab.
DMLS wählen, wenn: Die Anwendung von komplexen, leichten und integrierten Geometrien profitiert, die durch Schmieden nicht erreichbar sind; kurze Prototyping- und Kleinserienzeiten entscheidend sind; und die nachbearbeiteten mechanischen Eigenschaften für Lebensdauer, Ermüdung und Kriechverhalten ausreichend nachgewiesen sind.
Schmieden wählen, wenn: Höchste Zuverlässigkeit, Isotropie und bewährte Leistung unter extremen Kriech- und Zeitstandbedingungen erforderlich sind (z. B. rotierende Turbinenscheiben); das Bauteil eine einfache, schmiedbare Geometrie hat; und hohe Stückzahlen die Wirtschaftlichkeit sichern.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass DMLS-gedruckte Inconel-Bauteile mit einem umfassenden und qualifizierten Nachbearbeitungsprozess in vielen Anwendungen eine funktionale Gleichwertigkeit zu den mechanischen Eigenschaften geschmiedeter Komponenten erreichen können. Für die anspruchsvollsten Hochtemperatur- und Langzeitanwendungen, bei denen die konsistente, geschmiedete Mikrostruktur unersetzlich ist, bleibt das Schmieden jedoch die überlegene Wahl.