Aus werkstofftechnischer und fertigungstechnischer Sicht erfordert die Frage, ob wärmebehandelte Metall-SLS-Teile die Festigkeit von Schmiedekomponenten erreichen können, eine differenzierte Betrachtung. Moderne Metall-Additivverfahren können zwar statische Zugfestigkeitswerte erreichen oder sogar übertreffen, die denen von Schmiedeteilen entsprechen, jedoch bleibt die Kombination aus Zähigkeit, Ermüdungslebensdauer und Isotropie, die ein hochwertiges Schmiedeteil auszeichnet, oft unerreicht.
Direct Metal Laser Sintering (DMLS) oder Selective Laser Melting (SLM) erzeugen extrem feine, rasch erstarrte Mikrostrukturen. Dies kann zu sehr hohen Streck- und Zugfestigkeiten führen, die häufig die Mindestanforderungen geschmiedeter Äquivalente derselben Legierung übertreffen, z. B. Ti-6Al-4V oder Inconel 718. Eine nachträgliche Wärmebehandlung (z. B. Heißisostatisches Pressen – HIP – und Ausscheidungshärten) ist entscheidend, um innere Spannungen abzubauen, Anisotropie zu reduzieren und die Festigkeit weiter zu verbessern.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Zähigkeit (Bruchfestigkeit) und der Ermüdungsfestigkeit (Beständigkeit gegen zyklische Belastung).
Geschmiedete Komponenten: Das Schmiedeverfahren verformt das Metall plastisch, zerschlägt Einschlüsse und erzeugt einen kontinuierlichen, richtungsabhängigen Faserverlauf, der der Bauteilgeometrie folgt. Das Ergebnis ist eine überlegene Duktilität, Schlagzähigkeit und sehr hohe Ermüdungsbeständigkeit, da Risse einen längeren Weg zur Ausbreitung finden.
Metall-SLS-Teile: Das schichtweise Verfahren kann führen zu:
Internen Defekten: Winzige Poren, unvollständig verschmolzene Pulverpartikel oder Bindefehler können als Kerbspannungen wirken und Risse unter zyklischer Belastung initiieren.
Anisotropie: Mechanische Eigenschaften können sich in vertikaler (Bau-)Richtung leicht von denen in der horizontalen Ebene unterscheiden, auch wenn dies durch geeignete Prozessparameter und HIP deutlich reduziert wird.
HIP ist ein nahezu obligatorischer Nachbearbeitungsschritt für kritische SLS-Bauteile, die die Leistung geschmiedeter Komponenten erreichen sollen. Dabei wird das Teil hohen Temperaturen und isostatischem Gasdruck ausgesetzt, wodurch interne Poren und Hohlräume geschlossen werden. Das verbessert die Duktilität und die Ermüdungslebensdauer erheblich. Nach HIP und einer angepassten Wärmebehandlung kann die Ermüdungsleistung metallischer SLS-Teile der geschmiedeter Werkstoffe sehr nahekommen, doch der mikrostrukturelle Unterschied zwischen einer „gegossenen/geschweißten“ und einer „verformten“ Struktur bleibt meist bestehen.
Eigenschaft | Geschmiedete Komponenten | Wärmebehandeltes Metall-SLS (mit HIP) |
|---|---|---|
Zug-/Streckgrenze | Erfüllt oder übertrifft Spezifikationen; sehr konsistent | Kann geschmiedete Spezifikationen erreichen oder übertreffen |
Duktilität (% Dehnung) | Hoch und gleichmäßig | Gut, jedoch oft niedriger als bei Schmiedeteilen |
Ermüdungsfestigkeit | Exzellent (Goldstandard) | Gut bis sehr gut; stark abhängig von Oberflächengüte und innerer Qualität |
Schlagzähigkeit | Überlegen | Im Allgemeinen geringer als geschmiedet |
Mikrostruktur | Richtungsabhängiger, verformter Kornfluss | Feine, gegossene/equiaxiale Körner |
Geometrische Freiheit | Begrenzt | Hervorragend |
Schmieden für maximale Leistung: Für Teile mit hohen Stoßbelastungen, extremen zyklischen Spannungen oder sicherheitskritischen Anwendungen (z. B. Fahrwerkskomponenten, rotierende Turbinenscheiben) bleibt das Schmieden unangefochten in Bezug auf Zuverlässigkeit und Performance.
Metall-SLS für Komplexität und Integration: Der Hauptvorteil des SLS-Verfahrens liegt in der Möglichkeit, leichte, komplexe Geometrien zu fertigen – etwa interne Kühlkanäle, Gitterstrukturen oder integrierte Baugruppen – die nicht schmiedbar sind. Ideal für Anwendungen in der Luft- und Raumfahrt (z. B. Halterungen, Düsen) und im Medizintechnikbereich (Implantate), wo Gewichtseinsparung und Funktionalität wichtiger sind als maximale Zähigkeit.
Hybrider Ansatz: Eine bewährte Strategie ist, SLS zu nutzen, um eine komplexe Near-Net-Shape-Vorform herzustellen, und anschließend CNC-Bearbeitung an kritischen Flächen durchzuführen. Dadurch wird die Ermüdungsfestigkeit durch Druckeigenspannungen und eine überlegene Oberflächenqualität verbessert.
Fazit: Ein wärmebehandeltes und HIP-bearbeitetes Metall-SLS-Teil kann ein Zugfestigkeitsprofil erreichen, das mit einem Schmiedeteil vergleichbar ist. Dennoch ist es kein direkter Ersatz für Anwendungen, bei denen maximale Zähigkeit und Ermüdungslebensdauer entscheidend sind. Die Wahl hängt weniger davon ab, welches Verfahren „stärker“ ist, sondern vielmehr davon, welches die passende Kombination von Eigenschaften für die jeweiligen Belastungsbedingungen und Leistungsanforderungen bietet.